Kann ich mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung überhaupt eine gute Mutter oder ein guter Vater sein?
Diese Frage stellen sich viele Menschen mit Borderline (BPS) irgendwann – besonders dann, wenn sie bereits Kinder haben oder darüber nachdenken, eine Familie zu gründen. Die Angst vor dem eigenen Versagen ist oft übermächtig.
Vielleicht kennst du Gedanken wie diese:
- „Was, wenn ich mein Kind mit meinen starken Stimmungsschwankungen belaste?“
- „Was, wenn ich in einer belastenden Situation die Kontrolle verliere?“
- „Was, wenn ich genauso werde wie meine eigenen Eltern?“
- „Was, wenn mein Kind später wegen mir selbst psychische Probleme bekommt?“
Oder vielleicht sitzt die Angst noch tiefer und äußert sich in dem radikalen Zweifel:
- „Darf jemand wie ich überhaupt Kinder haben?“
Die wichtigste Antwort darauf sollte ganz am Anfang stehen, klar und deutlich: Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung schließt gute Elternschaft nicht aus.
Eine psychiatrische Diagnose entscheidet nicht darüber, ob jemand sein Kind lieben, Verantwortung übernehmen, Fehler erkennen, Grenzen setzen oder sich weiterentwickeln kann.
Gleichzeitig wäre es falsch, mögliche Schwierigkeiten kleinzureden. Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung kann bestimmte Situationen im Familienalltag tatsächlich komplizierter machen. Intensive Gefühle, starke Verlustangst, Impulsivität, schnelle Wechsel zwischen Nähe und Rückzug oder Schwierigkeiten mit der eigenen Emotionsregulation können sich auf die Beziehung zu einem Kind auswirken.
Aber zwischen zwei Aussagen liegt ein gewaltiger Unterschied:
- „Ich habe bestimmte Risikobereiche, auf die ich achten und an denen ich arbeiten sollte.“
- „Ich bin aufgrund meiner Diagnose zwangsläufig ein schlechter Elternteil.“
Das Erste kann zu Reflexion, Verantwortung und Veränderung führen. Das Zweite führt häufig nur zu tiefer Scham. Und Scham hilft weder Eltern noch Kindern.
Die bisherige Forschung – die sich überwiegend auf Mütter mit Borderline-Symptomatik konzentriert – beschreibt bestimmte Herausforderungen: eine oft höhere elterliche Belastung, inkonsistente Reaktionen, Überbehütung oder Probleme dabei, in emotional stark aufgeladenen Situationen feinfühlig auf ein Kind zu reagieren (Eyden et al., 2016). Gleichzeitig ist diese Forschung jedoch sehr heterogen. Sie erlaubt ausdrücklich keine Vorhersage darüber, wie sich ein einzelner Mensch mit BPS als Mutter oder Vater im individuellen Alltag verhalten wird.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Bin ich trotz Borderline gut genug?“ Sondern: „Welche Situationen sind für mich besonders schwierig – und was kann ich im Vorfeld vorbereiten, damit mein Kind und ich sicher damit umgehen können?“
Gute Eltern müssen nicht immer ruhig sein
Ein in unserer Gesellschaft extrem verbreitetes Bild guter Elternschaft lautet ungefähr so: Ein guter Elternteil ist grenzenlos geduldig. Er schreit niemals. Er weiß immer pädagogisch wertvoll, was richtig ist. Er ruht in sich, ist emotional stabil und jederzeit für sein Kind verfügbar.
Dieses Ideal ist nicht nur für Menschen mit Borderline unrealistisch. Es ist für praktisch alle Menschen unrealistisch.
Eltern sind müde. Eltern sind gereizt. Eltern treffen falsche Entscheidungen. Eltern reagieren manchmal ungerecht. Eltern interpretieren das Verhalten ihres Kindes manchmal völlig falsch. Psychische Gesundheit bedeutet nicht, niemals intensive Gefühle wie Wut, Frust oder Verzweiflung zu haben.
Entscheidender ist in der Erziehung etwas völlig anderes:
- Was mache ich mit meinen Gefühlen, wenn sie da sind?
- Und: Was mache ich, nachdem mir ein Fehler unterlaufen ist?
Ein Kind braucht keinen perfekten Erwachsenen. Es braucht authentische Erwachsene, bei denen eine grundlegende Sicherheit besteht und die Verantwortung für ihr eigenes Verhalten übernehmen können.

Nicht jede schwierige Reaktion ist gleich Borderline
Ein extrem wichtiger Punkt, der im Alltag oft vergessen wird: Nicht jede Ungerechtigkeit und nicht jeder elterliche Wutausbruch ist sofort ein Symptom der Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Manche Eltern mit BPS beobachten und bewerten ihr eigenes Verhalten besonders streng – gerade wenn sie große Angst davor haben, ihr Kind durch die eigene Erkrankung zu belasten. Wenn das Kind zum dritten Mal an diesem Tag seinen Saft über den Tisch kippt und der Elternteil laut wird („Kannst du nicht einmal aufpassen?!“), folgt oft sofort der vernichtende Gedanke: „Da ist sie, meine Borderline-Störung. Ich schädige mein Kind.“
Doch solche Reaktionen passieren auch Eltern ohne jegliche psychiatrische Diagnose. Erschöpfung, Schlafmangel, beruflicher Stress oder finanzielle Sorgen können die Geduld und Fähigkeit zur Emotionsregulation erheblich beeinträchtigen – unabhängig von einer psychiatrischen Diagnose. Es ist wichtig, normale elterliche Überlastung von krankheitsbedingter Symptomatik zu trennen. Diese Differenzierung schützt vor Selbststigmatisierung und davor, jedes alltägliche Stolpern in der Erziehung als grundlegendes pathologisches Versagen zu werten.
Wenn Gefühle innerhalb von Sekunden riesig werden
Eine der zentralen Herausforderungen bei Borderline kann eine sehr hohe emotionale Reaktivität sein. Ein scheinbar winziger Auslöser kann sich subjektiv enorm anfühlen.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Das siebenjährige Kind sagt beim Abendbrot: „Ich will am Wochenende lieber bei Oma schlafen als bei dir.“
Eine mögliche nüchterne Interpretation wäre zunächst schlicht: Mein Kind möchte heute bei Oma übernachten.
Insbesondere wenn Verlustangst ein starkes persönliches Symptom ist, kann der Gedanke jedoch innerhalb weniger Sekunden in eine völlig andere Richtung weiterlaufen:
- „Es möchte nicht bei mir sein.“
- „Bei Oma gefällt es ihm viel besser.“
- „Ich mache alles falsch.“
- „Mein Kind liebt mich nicht mehr.“
- „Irgendwann wird es gar nichts mehr mit mir zu tun haben wollen.“
Das Gefühl von Panik, Trauer oder Wut, das anschließend entsteht, ist absolut real und körperlich spürbar. Aber die Interpretation der Situation muss deshalb noch lange nicht stimmen.
Genau hier liegt eine der wichtigsten Fähigkeiten für Eltern mit BPS:
Gefühl und Handlung voneinander trennen
Du darfst verletzt sein. Du darfst Angst haben. Du darfst innerlich in Panik geraten. Aber nicht jedes Gefühl muss sofort in eine unreflektierte Handlung (einen verbalen Gegenangriff oder emotionalen Rückzug) verwandelt werden.
Genau dieser kleine Zwischenraum zwischen Gefühl und Handlung ist entscheidend. Bei hoher emotionaler Anspannung fühlt er sich manchmal kaum vorhanden an – aber er lässt sich trainieren.
Wenn der erste Impuls lautet: „Dann zieh doch gleich zu deiner Oma, wenn es dort sowieso viel besser ist!“ – dann gilt es, diesen Impuls zu unterbrechen.
Stattdessen kann die Reaktion lauten:
„Okay. Ich merke gerade, dass mich das etwas traurig macht, weil ich mich auf unser Wochenende gefreut habe. Ich muss da kurz drüber nachdenken, wir besprechen das nach dem Essen.“
Das Gefühl der inneren Verletzung ist damit nicht verschwunden. Aber das Kind wurde nicht mit Liebesentzug bestraft oder für die Emotionen des Erwachsenen verantwortlich gemacht.
Kinder dürfen nicht zu Emotionsregulatoren ihrer Eltern werden (Parentifizierung)
Dieser Punkt ist für die gesunde Entwicklung eines Kindes essenziell. Kinder sind unglaublich empathisch. Sie dürfen Trost geben, sie dürfen ihre Eltern umarmen und sie dürfen merken, dass Mama oder Papa traurig sind.
Problematisch kann es jedoch werden, wenn solche Botschaften regelmäßig auftreten und das Kind zunehmend das Gefühl entwickelt, für die emotionale Stabilität des Elternteils verantwortlich zu sein. Dabei können Formen von Rollenumkehr oder Rollenverwirrung entstehen. Übernimmt das Kind zunehmend emotionale oder praktische Verantwortung, die eigentlich beim Erwachsenen liegen sollte, wird häufig von Parentifizierung gesprochen (Macfie et al., 2015).
Das entsteht oft durch sehr subtile Aussagen:
- „Du bist der einzige Mensch auf der Welt, den ich noch habe.“
- „Ohne dich wüsste ich nicht, was ich machen sollte.“
- „Du darfst mich niemals verlassen.“
Für den Erwachsenen sind solche Sätze oft der reine Ausdruck einer intensiven Liebe. Ein Kind kann daraus jedoch eine belastende innere Überzeugung entwickeln: Meine eigene Autonomie und meine Abnabelung verursachen bei Mama/Papa unerträgliches Leid.
Aus einer gesunden Bindung wird dann eine drückende Verantwortung. Das Kind beginnt möglicherweise, eigene Bedürfnisse (wie Freunde treffen, Hobbys, später eigene Partnerschaften) zunehmend zurückzustellen, nur um die emotionale Reaktion des Elternteils zu vermeiden.
Besser wäre die Formulierung:
„Ich werde dich vermissen, wenn du die Woche über auf Klassenfahrt bist. Aber ich bin erwachsen und komme gut alleine klar. Ich wünsche dir riesigen Spaß!“
Der Unterschied ist gewaltig. Im ersten Fall muss das Kind für das Gefühl des Erwachsenen sorgen. Im zweiten Fall darf das Gefühl existieren – aber der Erwachsene trägt es selbst.
„Mama oder Papa hat manchmal sehr starke Gefühle“
Kinder merken häufig viel mehr, als Erwachsene glauben. Sie bemerken Körpersprache, veränderte Stimmlagen, abrupte Stille oder Spannungen im Raum, lange bevor ein Wort gewechselt wird.
Deshalb bedeutet Schutz nicht automatisch, psychische Erkrankungen vollständig vor Kindern zu verbergen. Wenn etwas sichtbar ist, aber niemand darüber spricht, suchen Kinder die Erklärung erstaunlich oft bei sich selbst.
Eine altersgerechte Erklärung kann hier enorm entlastend wirken. Fachangebote für Familien empfehlen, Kindern verständliche Informationen zu geben und ausdrücklich klarzustellen, dass sie die Erkrankung weder verursacht haben noch dafür zuständig sind, sie zu heilen (Lenz, 2014).
Bei einem jüngeren Kind könnte man sagen:
„Mama hat manchmal Gefühle, die sehr schnell sehr groß werden. Dann brauche ich manchmal ein bisschen Ruhe. Du hast damit absolut nichts falsch gemacht.“
Bei einem älteren Kind:
„Ich habe eine psychische Erkrankung, die Borderline-Persönlichkeitsstörung heißt. Bei mir können Gefühle manchmal schneller und stärker werden als bei anderen Menschen. Ich arbeite daran und habe Leute, die mich dabei unterstützen. Es ist niemals deine Aufgabe, meine Therapeutin oder mein Therapeut zu sein.“
Bei Jugendlichen darf es noch differenzierter werden:
„Vielleicht hast du schon gemerkt, dass ich manche Situationen sehr intensiv erlebe und manchmal schnell Angst bekomme, jemanden zu verlieren. Das erklärt manche Reaktionen von mir, entschuldigt aber nicht alles. Wenn ich unfair zu dir bin, darfst du mir das sagen.“
Eine Diagnose kann Verhalten erklären. Sie macht verletzendes Verhalten aber nicht automatisch in Ordnung.
Kinder brauchen Berechenbarkeit – keine militärische Perfektion
Für Kinder ist Vorhersehbarkeit ein wichtiger Bestandteil von Sicherheit. Sie müssen nicht jeden Tag exakt um 18:02 Uhr ihr Abendessen bekommen. Sie sollten aber die grundsätzlichen Spielregeln des Alltags kennen.
Gerade bei starken Stimmungsschwankungen können solche äußeren Strukturen extrem helfen, weil nicht jeden Tag neu nach der aktuellen Gefühlslage entschieden werden muss.
Ein Beispiel: An einem guten Tag denkt ein Elternteil: „Heute darf mein Kind ruhig bis 22 Uhr fernsehen. Wir haben so viel Spaß.“ Am nächsten Tag ist derselbe Elternteil erschöpft und gereizt: „Was fällt dir eigentlich ein, um 20 Uhr noch fernsehen zu wollen? Ab ins Bett!“
Für das Kind entsteht daraus ein Problem: Es weiß nicht, welche Regel eigentlich gilt. Damit wird das eigene Verhalten zunehmend davon abhängig gemacht, wie Mama oder Papa gerade gestimmt sind.
Hilfreicher ist eine Art Familiengrundgesetz. Das sind zentrale Regeln, die in ruhigen Zeiten festgelegt werden:
- An Schultagen endet die Bildschirmzeit um 20 Uhr.
- Wir schlagen niemanden.
- Wir beleidigen einander nicht.
- Erwachsene nehmen eine Auszeit, wenn sie zu wütend werden.
- Nach einem Streit sprechen wir uns später noch einmal aus.
In einer emotional aufgeladenen Situation muss dann nicht mehr entschieden werden: „Was empfinde ich gerade als richtig?“ Stattdessen lautet die Frage: „Was haben wir vereinbart, als wir ruhig waren?“
Genau diese Bereiche – Struktur, Emotionsregulation und Konfliktmanagement – sind auch zentrale Bausteine spezialisierter Elterntrainings, etwa des an der FU Berlin entwickelten Programms „Borderline und Mutter sein“ (Buck-Horstkotte et al., 2015; Renneberg & Rosenbach, 2016). Dass solche spezialisierten Elterninterventionen nicht nur theoretische Konzepte sind, zeigt beispielsweise eine aktuelle australische Studie: Eine kurze, gezielte Gruppenintervention für Eltern mit BPS reduzierte die berichtete elterliche Belastung gegenüber der Standardbehandlung signifikant (Grenyer et al., 2025).

Überbehütung: Wenn Verlustangst wie Fürsorge aussieht
Die Verlustangst kann Erziehung auf verschiedene Arten beeinflussen. Manche Eltern vermeiden konsequent jede Grenzsetzung, weil ein „Nein“ möglicherweise eine Ablehnung des Kindes auslöst. Die andere Seite der Verlustangst kann jedoch eine starke Überbehütung sein.
Ein zehnjähriges Kind möchte beispielsweise allein zum Kiosk gehen. Im Kopf des Elternteils entsteht sofort eine Kette von Assoziationen: Unfall. Entführung. Das Kind verschwindet. Die Angst wird so groß, dass die Antwort automatisch lautet: „Nein.“
Wenn dieses Muster über Jahre bestehen bleibt, besteht die Gefahr, dass das Kind keine Sicherheit lernt, sondern die Überzeugung: Die Welt ist gefährlich und ich bin unfähig, ohne meine Eltern darin zu bestehen.
Hilfreicher ist eine andere Herangehensweise. Nicht die Frage: „Kann ich garantieren, dass nichts passiert?“ (Das kann niemand). Sondern: „Welcher nächste Schritt in Richtung Selbstständigkeit ist für dieses Alter verantwortbar?“
Vielleicht bedeutet das beim ersten Weg zum Kiosk: Wir gehen den Weg vorher gemeinsam. Das Kind nimmt ein Handy mit. Danach darf es den Weg allein ausprobieren. Gute Begleitung bedeutet oft, Schutz langsam in Autonomie umzuwandeln.
Dein Kind ist nicht deine eigene Kindheit
Menschen, die selbst problematische Kindheitserfahrungen gemacht haben, kennen manchmal zwei sehr starke Ängste:
- „Ich werde genauso wie meine Eltern.“
- „Ich muss unbedingt alles exakt gegenteilig machen.“
Doch auch das Gegenteil eines Extrems kann wieder zum Problem werden. Wer als Kind extrem autoritär und strafend erzogen wurde, sagt vielleicht: „Mein Kind soll völlig frei aufwachsen.“ Dann fehlen möglicherweise notwendige und Halt gebende Grenzen. Wer emotional vernachlässigt wurde, möchte vielleicht jederzeit verfügbar sein – was schnell dazu führen kann, das Kind zu stark zu behüten oder zu vereinnahmen.
In Konfliktsituationen können frühere Beziehungserfahrungen sehr schnell aktiviert werden. Dann reagiert man möglicherweise nicht nur auf das aktuelle Verhalten des eigenen Kindes, sondern zugleich auf alte, unverheilte Verletzungen.
Das eigene Kind ist jedoch nicht die Fortsetzung der eigenen Geschichte. Wenn deine Tochter widerspricht, ist sie nicht deine abwertende Mutter. Wenn dein Sohn Grenzen setzt, ist er nicht dein distanzierter Vater. Wenn dein Teenager seine Freunde interessanter findet als einen Familienabend, bedeutet das nicht, dass du verlassen wirst.
Die bessere Frage in der Erziehung lautet stets: „Was braucht genau dieses Kind in dieser Situation – unabhängig davon, was ich damals gebraucht hätte?“
Wenn die Anspannung steigt: Der Notfallplan
Nicht jede Eskalation lässt sich durch ruhiges Nachdenken verhindern. Manchmal ist die Anspannung bereits so hoch, dass eine vernünftige Diskussion kaum noch möglich ist. Hier braucht es einen klaren Notfallplan.
Stufe 1: Warnzeichen erkennen Herzrasen, Hitze im Gesicht, Druck im Brustkorb, der Drang, sofort laut zu werden. Wenn diese Signale auftauchen, lautet die Aufgabe nicht mehr: „Ich muss diesen Konflikt klären.“ Sondern: „Ich muss die Situation sicher halten.“
Stufe 2: Gespräch unterbrechen
„Ich bin gerade zu wütend, um vernünftig weiterzureden. Ich brauche zehn Minuten Pause. Wir sprechen danach weiter.“ Eine kurze Erklärung wie „Ich brauche 15 Minuten und komme danach wieder“ kann besonders jüngeren Kindern helfen, die Unterbrechung nicht als Rückzug der Beziehung oder als eigene Schuld zu verstehen.
Stufe 3: Regulation Hier können individuell erlernte Skills aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT, nach Marsha Linehan) helfen – etwa kaltes Wasser, Bewegung, Atemregulation, starke sensorische Reize oder andere Methoden, die man idealerweise bereits in Therapie oder im Skills-Training erprobt hat (Linehan, 2025).
Stufe 4: Erst danach erziehen Wenn die Anspannung ausreichend gesunken ist, kann über die eigentliche Situation gesprochen werden. Die Diskussion wurde lediglich verschoben, bis der Erwachsene wieder in der Lage ist, sachlich zu handeln.
Die Kunst der Reparatur: Wenn es doch gekracht hat
Viele Eltern mit Borderline haben enorme Angst davor, Fehler zu machen. Wenn man dann doch einmal ungerecht war, zu laut geworden ist oder eine unverhältnismäßige Strafe ausgesprochen hat, folgt oft ein massiver Einbruch des Selbstwerts: „Ich habe mein Kind kaputtgemacht. Ich bin eine furchtbare Mutter/ein furchtbarer Vater.“
Genau dieses Schwarz-Weiß-Denken verhindert jedoch den wichtigsten pädagogischen Schritt: die Reparatur der Beziehung.
Ein fehlerhafter Umgang nach einem Konflikt wäre, sich vor dem Kind selbst abzuwerten: „Mama ist einfach schrecklich. Ich mache alles falsch.“ Damit wird das Kind in die Position gezwungen, den Erwachsenen trösten zu müssen („Nein, du bist eine gute Mama!“).
Verantwortungsvolle Reparatur sieht anders aus:
- Verantwortung übernehmen: „Ich habe dich vorhin angeschrien. Das war nicht okay. Ich war extrem gestresst, aber ich hätte anders mit meiner Wut umgehen müssen.“
- Das Kind entlasten: „Du warst nicht dafür verantwortlich, dass ich so laut geworden bin.“
- Auf die Sachebene zurückkehren: „Die Regel bezüglich deines Zimmers gilt trotzdem. Aber wir sprechen jetzt in einem normalen Ton darüber.“
Sich bei einem Kind zu entschuldigen, bedeutet nicht, Schwäche zu zeigen oder Regeln aufzugeben. Es vermittelt dem Kind vielmehr: Menschen können Fehler machen, Konflikte aushalten und Beziehungen anschließend wieder reparieren. Auch in der Mentalisierungsbasierten Therapie spielt die Fähigkeit eine zentrale Rolle, eigene und fremde Gedanken, Gefühle und Motive differenziert zu betrachten und in emotional belastenden Situationen wieder mentalisierungsfähig zu werden (Bateman & Fonagy, 2016).
Co-Parenting und Loyalität: Das Kind darf sich Hilfe holen
Besonders bei hoher emotionaler Belastung ist ein unterstützendes Netzwerk kein Zeichen von Schwäche, sondern verantwortungsvolle Vorsorge und Entlastung für die ganze Familie.
Ein Übergabesignal vereinbaren: Wenn Eltern gemeinsam erziehen, kann ein vorher vereinbartes Übergabesignal helfen. Ein einfaches „Kannst du bitte übernehmen?“ reicht oft aus. Wenn ein Elternteil merkt, dass er oder sie gerade emotional übersteuert, kann diese kurze Übergabe Schlimmeres verhindern, ohne dass es vor dem Kind zu einem Machtkampf der Erwachsenen kommt.
Erlaubnis zum Sprechen geben: Einer der wichtigsten Sätze, die man einem Kind mitgeben kann, ist die Erlaubnis, keine familiären Geheimnisse hüten zu müssen.
„Du darfst auch mit Oma, Papa, deiner Lehrerin oder jemand anderem darüber sprechen, wenn dich zu Hause etwas belastet oder wenn mein Verhalten dich verunsichert.“
Das verhindert ungewollte Loyalitätskonflikte. Das Kind lernt, dass es in Ordnung ist, sich Hilfe zu suchen, wenn die familiäre Situation zu schwer auf den Schultern lastet.
Für den Ernstfall: Ein konkreter Krisenplan
Was passiert, wenn sich der psychische Zustand drastisch verschlechtert? Wenn eine schwere depressive Episode auftritt, suizidale Krisen entstehen oder ein stationärer Aufenthalt unumgänglich wird?
Diese Vorstellung ist für viele Eltern mit BPS extrem schmerzhaft, doch das Verdrängen hilft im Ernstfall nicht weiter. Ein schriftlich fixierter Krisenplan schafft Sicherheit für alle Beteiligten.
- Wer übernimmt die Betreuung des Kindes, wenn ich akut ausfalle?
- Wer spricht mit der Schule oder dem Kindergarten?
- Wie und von wem wird dem Kind (altersgerecht) erklärt, wo ich bin und warum ich im Krankenhaus bin?
Ein vorbereiteter Ablauf und vertraute Bezugspersonen können einem Kind in einer solchen Situation Orientierung und Sicherheit geben und verhindern, dass es völlig unvorbereitet mit der Krise konfrontiert wird.
Das Kind darf seine eigenen Gefühle über die Erkrankung haben
Eine psychische Krise oder ein Klinikaufenthalt verunsichert nicht nur den betroffenen Elternteil, sondern auch das Kind. Ein Kind darf deshalb auch sagen:
- „Ich finde es scheiße, wenn du wieder im Krankenhaus bist.“
- „Ich habe Angst, wenn du so traurig bist.“
- „Manchmal nervt mich deine Erkrankung.“
Kinder müssen die psychische Erkrankung eines Elternteils nicht verständnisvoll, geduldig oder positiv erleben. Sie dürfen darüber traurig, wütend, enttäuscht oder verunsichert sein. Diese Gefühle sind keine Ablehnung des Elternteils.
Ein wichtiger Teil sicherer Elternschaft besteht deshalb darin, auch unangenehme Gefühle des Kindes auszuhalten, ohne dass das Kind anschließend den Erwachsenen beruhigen oder seine Aussagen zurücknehmen muss. Ein Elternteil sollte in solchen Momenten versuchen, aus der Wut des Kindes nicht den Schluss zu ziehen: „Dann bin ich also eine schlechte Mutter / ein schlechter Vater.“ Wenn ein Kind seine Wut oder Angst offen äußern darf, ohne dafür beschämt oder emotional zurückgewiesen zu werden, kann dies dazu beitragen, Vertrauen und Sicherheit innerhalb der Beziehung zu erhalten.
Fazit: Verantwortung statt Perfektion
Gute Elternschaft zeigt sich nicht darin, keine psychische Erkrankung zu haben, niemals wütend zu werden oder fehlerlos zu sein.
Gute Elternschaft kann auch bedeuten:
- Die eigenen Schwachstellen zu kennen.
- Warnzeichen ernst zu nehmen und Unterstützung anzunehmen.
- Sich aufrichtig entschuldigen zu können.
- Die eigenen Gefühle nicht dem Kind aufzubürden.
- Verlässliche Strukturen zu schaffen.
- Und immer wieder zu versuchen, Beziehungen nach schwierigen Momenten zu reparieren.
Elternschaft besteht nicht aus einem einzigen großen Test, den man entweder besteht oder nicht. Sie besteht aus Tausenden kleinen Situationen. Aufstehen. Frühstück machen. Trösten. Grenzen setzen. Streiten. Lachen. Überfordert sein. Pause machen. Zurückkommen. Noch einmal versuchen.
Die emotionalen Wellen mögen bei dir höher und stürmischer sein als bei anderen. Aber du kannst lernen, ein sicheres Boot für dein Kind zu bauen.
Quellen & Weiterführende Literatur
- Bateman, A., & Fonagy, P. (2016). Mentalization-Based Treatment for Personality Disorders: A Practical Guide. Oxford University Press.
- Buck-Horstkotte, S., Renneberg, B., & Rosenbach, C. (2015). Mütter mit Borderline-Persönlichkeitsstörung: Das Trainingsmanual »Borderline und Mutter sein«. Beltz.
- Eyden, J., Winsper, C., Wolke, D., Broome, M. R., & MacCallum, F. (2016). A systematic review of the parenting and outcomes experienced by offspring of mothers with borderline personality pathology: Potential mechanisms and clinical implications. Clinical Psychology Review, 47, 85–105. DOI: 10.1016/j.cpr.2016.04.002
- Grenyer, B. F. S., van Schie, C. C., Bartsch, D. R., Cooke-O’Connor, L., Kleinig, D., Steele, K. R., & McLeod Everitt, C. (2025). Supporting parents with borderline personality disorder through a parenting group intervention: a randomized controlled trial. Borderline Personality Disorder and Emotion Dysregulation, 12, 38. DOI: 10.1186/s40479-025-00305-3
- Lenz, A. (2014). Kinder psychisch kranker Eltern (2., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl.). Hogrefe.
- Linehan, M. M. (2025). DBT Skills Training Manual: Revised Edition. Guilford Press.
- Macfie, J., Brumariu, L. E., & Lyons-Ruth, K. (2015). Parent–child role-confusion: A critical review of an emerging concept. Developmental Review, 36, 34–57. DOI: 10.1016/j.dr.2015.01.002
- Renneberg, B., & Rosenbach, C. (2016). “There is not much help for mothers like me”: Parenting Skills for Mothers with Borderline Personality Disorder – a newly developed group training program. Borderline Personality Disorder and Emotion Dysregulation, 3, 16. DOI: 10.1186/s40479-016-0050-4
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📚 Glossar: Wichtige Begriffe kurz erklärt
- Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS): Eine psychische Erkrankung, die unter anderem durch intensive, oft extrem schnell wechselnde Emotionen, starke Verlust- und Verlassensängste, Impulsivität und Schwierigkeiten in der Beziehungsgestaltung gekennzeichnet ist. BPS ist gut psychotherapeutisch behandelbar.
- Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT): Ein speziell für die Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickeltes Psychotherapieverfahren (nach Marsha Linehan). Es kombiniert Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie mit fernöstlichen Achtsamkeitsübungen. Ein zentraler Baustein ist das Erlernen von Skills zur Stresstoleranz und Emotionsregulation.
- Emotionsregulation: Die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und in ihrer Intensität so zu steuern, dass man in belastenden Situationen handlungsfähig bleibt. Bei Menschen mit BPS ist diese Fähigkeit in Stresssituationen oft eingeschränkt, lässt sich aber trainieren.
- Loyalitätskonflikt: Ein massiver innerer Stresszustand bei Kindern, der entsteht, wenn sie das Gefühl haben, sich zwischen zwei Bezugspersonen entscheiden zu müssen oder ein problematisches Geheimnis hüten zu müssen, um einen Elternteil zu schützen. Offene Kommunikation und die Erlaubnis, sich Hilfe zu holen, verhindern dies.
- Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT): Ein psychotherapeutisches Verfahren (nach Anthony Bateman und Peter Fonagy), das gezielt die Mentalisierung trainiert. Das bedeutet: Die Fähigkeit, das eigene Verhalten und das Verhalten anderer (wie etwa des eigenen Kindes) nicht als böse Absicht zu interpretieren, sondern durch die dahinterliegenden Gedanken, Gefühle und Motive zu verstehen.
- Parentifizierung (Rollenumkehr): Ein Beziehungsdynamik, bei der die normalen familiären Rollen vertauscht werden. Das Kind übernimmt dabei praktische oder emotionale Verantwortung, die eigentlich beim erwachsenen Elternteil liegen sollte – zum Beispiel, indem es den Elternteil nach Konflikten trösten oder dessen psychische Stabilität sichern muss.
- Selbststigmatisierung: Ein psychologischer Prozess, bei dem Betroffene die negativen Vorurteile und Klischees der Gesellschaft über ihre eigene Diagnose verinnerlichen. Im Kontext der Elternschaft führt das oft zu dem vernichtenden, aber falschen Glaubenssatz: „Wegen meiner Diagnose bin ich automatisch ein schlechter Elternteil.“
- Skills: Konkrete Fertigkeiten und Verhaltensweisen (oft aus der DBT), die Menschen mit hoher Anspannung dabei helfen, Krisen zu bewältigen, ohne destruktiv zu reagieren. Im Familienalltag helfen Skills (wie Kältereize, intensive Bewegung oder Atemtechniken), den eigenen Stress so weit zu senken, dass man wieder als erwachsener Elternteil handeln kann.
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